MR-Symposium 2021 – Alzheimer & Co: Neurodegenerative Erkrankungen in der MRT

MR-Symposium 2021 – Alzheimer & Co: Neurodegenerative Erkrankungen in der MRT

Bei neurodegenerativen Erkrankungen ist die multimodale MRT gängiges bildgebendes Verfahren. Sie ist ein Puzzleteil bei der Einordnung klinischer Symptome – und sollte deshalb direkt mit der Verhaltensneurologie in Verbindung stehen.

  • Präsentationstag:
    23.01.2021 1 Kommentare
  • Autor:
    kf/ktg
  • Sprecher:
    Christopher Hess, University of California San Francisco
  • Quelle:
    MR-Symposium 2021

„Um klinische Diagnosen neurodegenerativer Erkrankungen zu präzisieren, müssen Sie die Sprache der Verhaltensneurologie sprechen“, gab Christopher Hess, UCSF, seinen radiologischen KollegInnen mit auf den Weg. Die MRT lässt sich bei dieser Klientel ohne Kenntnis der klinischen Symptomatik nicht fachgerecht lesen.

Drei Haupt-Symptomgruppen

Grundsätzlich sind Symptome aus drei großen Gruppen zu unterscheiden:

  1. Kognition: Sie betreffen Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen (Steuerungsfunktionen wie Problemlösen, Planen oder Verhaltenssteuerung) und willkürliche Bewegungssteuerung (Praxis)
  2. Motorik: pyramidal und extrapyramidal
  3. Sprache

Die kontrastverstärkte MRT hilft nun, die Symptome nach ihrer zerebralen Lokalisation einzuordnen:

  1. Anterior: Verhaltens-, Persönlichkeits- und psychiatrische Störungen
  2. Posterior: Gedächtnis-, Sprach- und das räumliche Sehen betreffende Störungen
  3. Cortical: Sprach- Bewegungssteuerungs- und das räumliche Sehen betreffende Störungen. Hier ist die Krankheitseinsicht der PatientInnen gestört.
  4. Subcortical: Apathie, Verlangsamung der geistigen Funktionen (Bradyphrenie), Parkinson. Hier ist die Krankheitseinsicht der PatientInnen intakt.

Wichtig – Zeitpunkt des Symptombeginns

„Der Zeitpunkt des Symptombeginns ist der wichtigste klinische Parameter für unsere Diagnostik“, so Hess. Daraus ergibt sich die Unterteilung in zwei Gruppen, die völlig unterschiedliche therapeutische Konsequenzen nach sich ziehen:

  • Rasch progrediente Erkrankungen entwickeln sich im Lauf von Wochen bis Monaten. Der Symptombeginn liegt maximal zwei Jahre, normalerweise weniger als ein Jahr zurück. Die Ätiologien sind vielfältig, der Workup umfassend: Neben Anamnese und Blutbild, Liquordiagnostik und EEG ist die MRT mit gadoliniumhaltigem Kontrastmittel indiziert. Die Bildgebung gibt hier oft den diagnostischen Ausschlag. PatientInnen müssen meist stationär behandelt werden. Die Behandlung erfolgt normalerweise medikamentös oder chirurgisch.
  • Langsam fortschreitende Erkrankungen entwickeln sich allmählich über Monate bis Jahre. Es gibt nur einige wenige Ätiologien, allen voran M. Alzheimer. Die Diagnostik besteht primär aus strukturierten Interviews und neuropsychologischen Tests. Die MRT ist indiziert, manchmal die PET, allerdings sind beide nur Teil eines größeren diagnostischen Prozesses. Die Behandlung ist palliativ.

LOAD, EOAD und PCA

LOAD (Late Onset Alzheimer’s Disease) unterscheidet sich klinisch und anatomisch stark von EOAD (Early Onset Alzheimer’s Disease).

LOAD entspricht dem „klassischen“ Morbus Alzheimer. In der MRT ist eine mediotemporale Atrophie (MTA) zu 99% sensitiv für LOAD. Ist die MTA bei PatientInnen mit Frühsymptomen zu erkennen, haben diese eine fünfmal höhere Wahrscheinlichkeit Alzheimer zu entwickeln als ohne MTA. Die Spezifität ist allerdings niedrig: Die MTA kommt auch bei kognitiv nicht eingeschränkten älteren Menschen vor, ebenso bei anderen Demenz- und sonstigen Erkrankungen (z.B. Traumata, Krampfanfälle).

Bei EOAD ist in der MRT vor allem die deutlich stärker ausgeprägte Atrophie im Vergleich zu LOAD bemerkenswert. Außerdem sprechen folgende Kennzeichen für EOAD:

  • Alter <65
  • Stärkere Sprach-, Exekutivfunktions- und das räumliche Sehen betreffende Defizite
  • Geringere Störung der episodischen Gedächtnisleistung (vergangene Erlebnisse / Erfahrungen)
  • Schnellere klinische Progression

Die PCA (Posteriore Corticale Atrophie) ist eine seltene Variante des M. Alzheimer. Sie ist gekennzeichnet durch progressive kortikale Sehstörungen – Grund ist eine Atrophie der Okzipitalregion. Die PatientInnen fallen dadurch auf, dass es ihnen zunehmend schwerer fällt, Gesichter zu erkennen. Die diffusionsgewichtete Bildgebung (DWI) ist hier aber unauffällig – im Gegensatz zur ebenfalls mit Sehstörungen einhergehenden Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, die sich wiederum mit der DWI diagnostizieren lässt.

„Die Kombination aus Zeitpunkt des Symptombeginns, klinischen Symptomen und Bildgebung ist für die Diagnostik neurodegenerativer Erkrankungen entscheidend“, so Hess abschließend.

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